Auch Inkognito ist ein soziales Wesen.

Die grupa-non-grata Anonymous hat angeblich ein soziales Netzwerk gelauncht, das angeblich gehackt wurde. Angeblich von einer türkischen Gruppierung.

ANONPLUS, so der Name des Angebots, hat aber kein klares Profil: Der Name als Anspielung auf google+, aber wer soll sich darin präsentieren neziehungsweise interagieren? Na diese Leute von Anonymous, die allerhand Dokumente erschlichen und diesen Slogan mit ‚We are Legion‘ haben, könnte man glauben. Allerdings lässt das außer Acht, dass diese Vereinigung keine Mitglieder hat, sondern in irgendeiner Form ein Kollektiv ist.

Prinzipiell kann sich also jeder als Anonymous-Mitglied bezeichnen, sofern er das irgendwie gut findet, was die da machen. Allerlei Menschen mit Guy-Fawkes-Masken vor dem Gesicht auf Demonstrationen auf der ganzen Welt dürften also bei anonplus mitmachen.

[Exkurs: Guy Fawkes war ein britischer Soldat, der Anfang des 17. Jahrhunderts das englische Parlament sprengen wollte. Ein Akt der Auflehnung gegen die herrschende Autorität, deshalb gern als symbolträchtiges Maskottchen gewählt – außerdem lacht er so schelmisch.]

Aber zurück zur Frage: Was sollte solch ein Netzwerk, das dem Anspruch nach eine Aggregation von Cyber-Straftätern wäre, den Beteiligten bringen? Personen auf Photos verlinken und mit Minispielen die Zeit vertreiben? Nachrichten schreiben, wie nun der Angriff auf die NATO-Server zu koordinieren ist? Im Forum diskutieren, welche PHP-Schwachstellen wie genutzt werden können?

Es macht einfach keinen Sinn für ein Etwas, wie Anonymous es ist, sich in einer derartigen Plattform zu vereinen und zu engagieren.

Bleiben also zwei Möglichkeiten, was ANONPLUS darstellt: Entweder jemand erlaubt sich einen öffentlichkeitswirksamen Spass und springt aufs Trittbrett eines schon recht zügig fahrenden Zuges (aus welcher Motivation – Schaden, Wichtigtuerei, Steigerung des Selbstwertes – auch immer) oder die Seite wurde gestartet, um mal zu gucken, wer da so aktiv wird und sich anmeldet, welche Wespen um den Kuchen surren. Dafür käme wiederum als Motivation in Frage: Wichtigtuerei, Feindschaft, Datenaquise.

Bestimmt war es das FBI, das diesen Köder ausgelegt hat. Und jetzt mit einem zum Wurf bereit gemachten Netz in der Ecke daneben sitzt und wartet. Und wartete. Und wartet.

Mittlerweile leitet die Domain von ANONPLUS weiter auf ein Forum, das explizit anonymes Posten erlaubt: Alsob 4chan nicht schon genug Platz für die Verifikation von Godwin’s Gesetz („As an online discussion grows longer, the probability of a comparison involving Nazis or Hitler approaches one.“) bieten würde. Guy Fawkes grinst von der Seite herab, und irgendjemand lacht über den von ihm geschaffenen Hoax.

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Der Zenit von wikileaks ist überschritten – wenn es so weitergeht.

Julian Assange ist das Gesicht von Wikileaks. Der Mann, auf den als „Gründer von Wikileaks“ verwiesen wird. Der weißhaarige Australier, der in einem Landsitz in England eine elektronische Fußfessel trägt, sich in einem Promo-Video für den arabischen Frühling verantwortlich zeichnet und jetzt doch keine Autobiographie veröffentlicht.

Auch von der seit April unaktualisierten wikileaks-Hauptseite blickt der downunder Enemy of the State nachdenklich-überlegen auf den Internet-User herab und  bittet um Spenden, um das Projekt stark und Regierungen offen zu halten. Doch das ist ein Problem.

Das basisdemokratische, offene Konzept von wikileaks ist vollständig auf Assange zugeschnitten. Er ist die Personifizierung des Messias für den nach Information strebenden Menschen, er lenkt, denkt, akquiriert, ruft auf, gibt Interviews, steht am vorderen Rand der Bühne. Ohne die vielen Menschen hinter ihm würde sich kein Vorhang heben, kein Scheinwerfer leuchten, keine Zuschauermenge zu ihm aufsehen und ihn anhören. Wikileaks als eine gegen hierarchische Informationsstrukturen kämpfende Organisation, die es zugelassen hat, auf ein Individuum reduziert zu werden. Der deutsche „Mitgründer“ von wikileaks, Dominik Domscheit-Berg, hat entsprechende Kritik vor geraumer Zeit in einem Buch veröffentlicht. Assange ist nach wie vor wikileaks – so sehr, wie wikileaks Assange ist.

Eine charismatische Person an der Spitze einer Bewegung zu haben: Gut.

Eine Bewegung auf eine Person reduziert sehen: wird zwangsläufig eintreten, wenn Person vorhanden ist und dagegen nicht aktiv vorgegangen wird.

Eine einzelne Person an der Spitze einer brisanten, unbequemen Bewegung: „Um sie zu töten, schlage der Schlange den Kopf ab.“

Julian Assange ist zweifellos eine besondere Persönlichkeit. Allerdings ungeeignet, um die informationelle Weltrevolution zu erwecken. Dafür ist er zu medienaffin. Und exakt das könnte nun ihm und dem hinter ihm stehenden verwegenen Vorhaben zum Verhängnis werden: Über ihn ist wikileaks angreifbar. Will man für den Erhalt der Website spenden, ist mittlerweile nicht mehr klar, wohin man sich begeben muss, um eine (nicht über Visa und MasterCard laufende – die beiden Unternehmen sperren nach wie vor jegliche monetäre Zuwendung an wl) Transaktion in Gang zu setzen. Die Transaktion eines Geldbetrages, der nicht dazu verwendet wird, Julian Assanges Anwaltkosten gegen seine Auslieferung nach Schweden  zu decken.

Wikileaks scheint in einer Schockstarre zu verharren, seitdem der ‚Kopf‘ mit der Anschuldigung ‚Vergewaltigung‘ behaftet ist. Der verkauft derweil Mittagessen mit sich über ebay (Anwaltskosten – ob Zahlung über PayPal funktionierte?) und feiert seinen Geburtstag mit 100 Gästen.

Das soll hier keinesfalls verurteilt werden. Ersteres ist durchaus eine kreative Idee, die eigene Aura des Legendären zu nutzen. Und in fremden Häusern feiert es sich nunmal einfach am Besten.

Es geht hier vielmehr um das Bild des Kopfes, ohne den der Körper, nunja, enthauptet ist. Anonymus, der derzeitige Staatsfeind Nummero zwei der westlichen Welt, hat sich da geschickter den Dezentral-Trumpf erhalten – und sich so das Prädikat „diffus“ erhalten. Bedrohung strahlt es dennoch aus, für bestimmte Kreise. Assange wirkt nicht bedrohlich, wird aber dämonisiert, bringt damit sein gesamtes Imperium in Gefahr. Daher ist wikileaks zumindest angezählt – ob es sich aufrappeln und zum Gegenschlag ausholen kann, ist noch unklar. Leichter wäre es, ohne einen belasteten weißhaarigen Australier als Ballast.

Der hat nun seinen eigenen Kampf zu schlagen – und sollte sehen, ob er nicht einen Thronfolger aus den eigenen Kreisen ausrufen kann. Sonst wird die Gleichsetzung ‚whistleblower-Plattform = wikileaks‘ bald zu Gunsten einer kleineren, noch nicht in allen Medien steckenden Plattform umgeschrieben.

Denn der Bedarf besteht zweifelsohne und es gibt (glücklicherweise) Menschen, die die Courage haben, ihr prekäres Wissen zu teilen. Und damit die informationelle Weltrevolution befeuern.

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Mühsam nähert sich das Eichörnchen dem WLAN.

Vor allem in Deutschlands Innenstädten.

Die Situation ist bekannt: Vergeblich zerrt man das Notebook in der dafür vorgesehenen Tasche durch eine beliebige Stadt, muss dringend eine mail verschicken, Nachrichten lesen oder Zeit totschlagen. Smartphone mit 3G, 4G, HSPA, UMTS, EDGE ist freilich nicht vorhanden.

Vor einigen Jahren hätte man nun ein eigens für derartige Fälle geschaffenes Etablissement aufgesucht, sich an einen der leidlich gewarteten Rechner gesetzt, einen Obulus pro Stunde gezahlt und einen Anschluss an das WWW, inklusive Heißgetränk, erhalten. Doch die Zeit der Internetcafés neigt sich unweigerlich dem Ende zu – braucht ja keiner, hat ja jeder immer Computer selbst dabei – nach einer neuen Form des sozialen Beisammenseins bei PC und Kaffee vegetieren die letzten ihrer Art nun als Copy-Shops, Call-Center und Western-Union-Geldtransfer-Filialen neben Asiashops und Läden für gebrauchte Handys in den letzten Zügen.

Da steht also dieser Mensch und braucht Internet. Ein Werkzeug dazu führt er mit (Laptop mit WLAN-Adapter, Smartphone ist noch nicht dermaßen weit verbreitet) und quält sich nun damit herum, ein verfügbares WLAN-Netz zu finden und anzuzapfen.

Verschiedene Möglichkeiten tun sich ihm da auf:

  1. Auf Wanderung von Bar zu Bistro zu Cafe zu gehen und höflich die Bedienung zu fragen, ob es wohl WLAN gäbe. Meistens weiß die das nicht genau und muss erst den Kollegen fragen. Je nach Ort ist die Erfolgsquote dieses Vorgehens eher gering (gut in Köln, eher schwach in Pfullingen)
  2. Eine Filiale der großen Amerikaner aufsuchen: Starbucks oder McDonalds bieten zwei bzw. eine Stunde Internet für ihre Kunden an. Bei letzterem ist das uneinladener, da man sich erst mit Handynummer registrieren muss, um einen Freischalcode per SMS zu erhalten. Und nach Ablauf der Zeit ist Schicht im Äther für 24 Stunden.
  3. Der Suchende kennt eine Bibliothek, eine Universität, ein Bürgeramt, die den Service (ggf. auch für Nichtmitglieder, Nichtstudenten, Nichteinwohner) anbietet. Während fast jede Uni ein WLAN-Netz hat, ist es ein Glückssache, ob man gerade eine erwischt hat, die keine Zugangscodes fordert und somit auch für Fremde zugänglich ist. Biblothel und Stadtverwaltung sind selten so spendabel..

Doch was soll diese Kleinkariertheit? Es geht hier schließlich um uneingeschränkte, informationelle Selbstbestimmung! Ein höheres Gut?

Einige Websiten machen den Versuch, dieses Grundbedürfnis nach uneingeschränkter Verbindungsmöglichkeit zu katalogisieren:

Wiederum mit großen regionalen Unterschieden – und wenig hilfreich, wenn per pedes ohne Connection in der City Bedarf besteht. [Bei freie-hotspots.de ist es wenigstens möglich, eine pdf aus allen Ergebnissen der Suchanfrage zu erstellen und lokal zu spreichern.]

Warum also kein freies, öffentliches WLAN um unser aller Leben glücklicher zu gestalten und all diese Probleme fort zu funken? Komplizierte Antwort: Rechtliches Blabla. Wer haftet, wer reguliert, wer kontrolliert, wer sanktoniert?

Einfache Antwort: Weil Information wert hat, und Geld kostet, das eine Menge Menschen verdienen. Idealismus hilft hier, so gut er auch ist, nur bedingt (– einige haben den trotzdem bewahrt, auch wenn ihr Projekt mittlerweile eingeschlummert scheint, ist die Idee noch da: http://www.freifunk.net Eine Art Mini-WWW auf bewusst eingebundene Teilnehmer beschränkt und eher für den Informationstausch zwischen diesen gedacht.)

Teil zwei der einfachen Antwort: Infrastruktur – kostet haufenweise Geld. Und die erzielte Wirkung steht in keinem Verhältnis zum Nutzen. Funknetzwerk aufbauen und noch mit der Telekom über Netznutzungsgebühren verhandeln, um Image zu polieren und als gute, selbtslose Firma zu scheinen. Leider funktioniert das noch nicht. Erste Ansätze gibt es mit Wireless Metropolitan Area Network und WiMAX sind sogar schon Frequenzbereiche reserviert. Doch in Deutschland werden die bisher nur genutzt, um Gegenden ohne DSL-Anbindung ebenjenes zu verschaffen.

In anderen Ländern, zum Beispiel dem Senegal, wird damit mal eben das Zeitalter der drahtbasierten Kommunikation (Vom Telegraph zum Telephon zum Modem zum DSL-Modem) übersprungen und direkt drahtlos drauflos entwickelt. Das eigene Leben wird entwickelt, von vielen Menschen, die zusammengerottet in Internetcafes sitzen und eine Empfangsstation mit 20 PCs gleichzeitig nutzen. Doch das nur am Rande, das ist eine weitere, schöne Geschichte.

Wir hier sind schon weiter und zahlen für Drahtlosinternet überall: 15 Euro im Monat für einen UMTS-Surfstick. 15 Euro mit denen man das Weltwunder Internet überall nutzen kann. 15 Euro für die informationelle Selbstbestimmung. Nagut, vielleicht nicht in Bebenhausen, aber auf der Wiese Richtung Tübingen, auf der hat man doch Netz. 180 Euro pro Jahr, für die man keine Kellnerin mehr gezwungenermaßen anlächeln oder nach dem nächsten McDonalds fragen muss. Und dafür ein Tor zu vielen der 255hoch4= über vier Milliarden IP-Adressen weltweit. Bedenkt man den sich daraus ergebenden Preis pro Megabyte Datenvolumen im Jahr, sind wir fast schon am Ziel angekommen: Free Public Wifi

 

Nachtrag vom 17.07: Sieh an, sieh an, die New Yorker. Bürgermesiter Bloomberg fand mein Schreiben hier so gut, dass ers sich zu Herzen nahm!

http://www.nycgovparks.org/sub_your_park/wifi/

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Strafverfolgung 2.5 oder next level advertising?

Der Big Brother hat offiziell und von aller Öffentlichkeit einsehbar seinen ersten Erfolg in der Verbrechensbekämpfung erzielt – allerdings heißt der Big Brother in dieser Geschichte Joshua Kaufman und er ist nicht als Hüter unser aller Alltag in ebendenselben implementiert. Nein, Joshua Kaufman ist zu Beginn dieser Geschichte das Opfer.

Am Samstag, den 21. Mai, wird aus seinem Haus in Oakland, Kalifornien sein MacBook Pro geklaut, am helllichten Tag, in gediegener Nachbarschaft. Jeder, dem schon ähnliches widerfahren ist, weiß, wie furchtbar diese Situation werden kann: Zum einen alle gespeicherten Daten, Photos, Arbeiten gelöscht, beziehungsweise – noch schlimmer – in der Hand eines Fremden. Womöglich noch, aus eigentlich verhältnismäßiger Bequemlichkeit, zu sämtlichen regelmäßig besuchten Websites die Zugangsdaten im Browsercache gespeichert, und im Mailprogramm ist nichts weiter zu tun, als „Senden/Empfangen“ zu klicken, um der Welt weißzumachen, hier säße der rechtmäßige Eigentümer am Gerät.

Eine mehr als begründete Angst, die vor dem Verlust seines persönlichen Elektronikgerätes (ob Laptop oder Smartphone) steht. Doch um in eben diesen Katastrophenfällen abzuhelfen, gibt es diverse Abhilfen – einige zu sehen im Viva-Nachtprogramm, zu haben im Jamba-Spar-Abo für 3,99 Euro im Monat. Ein Programm allerdings, ‚Hidden‚ genannt, hat nun letzte Woche öffentlichkeitswirksam für Erlösung eines Bestohlenen, besagter Joshua Kaufman, gesorgt: Der hat nun also seinen Laptop gleich nach dem Diebstahl als gestohlen gemeldet. Und wie in solchen Fällen üblich, konnte die Exekutive erstmal garnichts tun.

Doch Kaufman nutze seine 15 Dollar Jahresinvestition (soviel kostet die ‚Hidden‘-Nutzung in der ‚Basic-Plan für einen Computer) und sammelte die von seinem Laptop geschossenen und an ihn übermittelten Photos, Screenshots und Standortdaten, um der Polizei Hilfe bei der Ergreifung des Übeltäters zu geben. Doch wurde er nicht gehört und es passierte weiterhin nichts. Erst nachdem er am 27.5. eine tumblr-Seite erstellte, auf der er die Bilder des mutmaßlichen Diebes postete und darüber zu twittern anfing, ging was voran und schließlich erhielt er am 01.06. sein edles Stück aus Händen der Polizeidirektion zurück. (An Bildern besonders lecker der Screenshot, aus dem hervorgeht, wie der böse Bub den Account von Kaufman auf seinem eigenen Rechner löscht.)

So weit, so wunderbar (für ihn): Der Herr ist Softwareprogrammierer und hat recht erfolgreich einen Rummel um sich, sein MacBook und das Programm Hidden gestartet. Ob es nun tatsächlich zur Ergreifung des Täters beitrug, ist noch nicht geklärt, noch ist der Deliquent nur wegen der Nutzung fremden Eigentums angezeigt (Wired). Doch stellt sich die Internetgemeinde berechtigterweise die Frage, ob die Aktion nicht nur geschickt getarntes Marketing war. Allerdings ist dabei ganz klar zu bedenken, dass ebenjene Programme ja für genau ebensolche Zwecke entwickelt wurden.

Warum braucht es da einen Beweis, dass sie auch wirklich funktionieren? Nicht zuletzt wurde dies schließlich nicht zum ersten Mal offensichtlich. Der geschickte Schachzug von Kaufman war damit eigentlich nur, die Presse einzuschalten, um den Ermittlungen durch öffentlichen Druck auf die Sprünge zu helfen. Doch genau dies ists ja nicht, zu dem solche Programme entwickelt wurden. Stille Helferlein – keine Marktschreier, die Beamten das Presseecho im Nacken sitzen lassen. Vielleicht bräuchte es dafür eher eine Webcam im Polizeipräsidium von Oakland.

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Straßdtwudje, Tavarisch Spionov amerikanski!

Yandex ist seit heute an der Börse. Und gleich ganz groß eingestiegen.

Wer ist an der Börse? yandex.ru – das russische Google. Suchmaschine mit drei Dependancen (Kasachstan – yandex.kz, Weißrussland – yandex.by, Ukraine – yandex.ua) und schlappen 65 % Marktanteil im 140.000.00 140.000.000 Genossen fassenden Mütterchen Russland – davon sind über die Hälfte online. Google kommt in diesem monströsen Markt mit knapp 22% auf den zweiten Platz.

Dieses Ungetüm ist nun also am NASDAQ notiert. Und das gigantisch, am Tag des Starts gleich Aktien im Wert von 1.300.000.000 US-Dollar emmitiert – obwohl Banken vorher angaben, die Firma wäre nur etwa 6,4 bis 7,1 Milliarden wert. Nachtigall, ick hör dir trappsen. Lernt die Menschheit nichts dazu? Nachdem während der New-Economy-Blase 2000 schon Billiarden an Geld verballert wurden, reihen sich nun wiederum gigantische Werterwartungen gegenüber Firmen aneinander, von denen man nicht so richtig weiß, wie sie jemals diesen Marktwert erwirtschaften sollen. Skype als jüngstes Beispiel: Schreibt Verluste und Microsoft zahlt doch 8kommafünf Milliarden dafür. Obschon von den 660 Millionen Registrierten nur 8,8 Millionen für dessen Dienste zahlen. Doch bei yandex zahlen nun kein Global-Player, sondern wirkliche Aktionäre –  einen Preis von 25 Dollar pro Aktie, wenigstens für ein Unternehmen, das immerhin Geld erwirtschaftet: Zuletzt 135 Millionen Dollar pro Jahr. Jeder von ihnen hat nun das zweifelhafte Vergnügen, Anteile eines börsennotierten Staatsunternehmen zu besitzen – welches auch noch dem Geheimdienst dient.

Staatlich deshalb, weil die SBERBANK vertraglich dazu befähigt ist, zu verhindern,  dass ein einzelner Investor mehr als 25% der Anteile and yandex kauft – die SBERBANK hält einen sogenannten „golden share“. Vom Kreditinstitut SBERBANK gehört wiederum der größte Teil der Bank Rossii, der zentralen Notenbank von Russland. Welch Auswuchs des postkommunistischen Turbokapitalismus.

Doch damit nicht genug, irgendwie spitzelt in .ru ja auch jeder noch ein bisschen: Anfang Mai wurde bekannt (Meldung von der BBC), dass der Online-Bezahldienst von yandex persönliche Informationen von Usern, die Geld an eine Anti-Korruptionswebsite (http://rospil.info/) gespendet haben, an den FSB [dem Inlandsnachfolger des KGBs] weitergegeben hat. Die Seite, gelauncht von Alexei Navalny, das TIME-Magazin nennt ihn eine Art russische Erin Brokovich in männlich, ist eine Whistleblower-Seite, die sich voll der Korruption in russischen Behörden und staatlich geführten Unternehmen widmet. User seien daraufhin auch von Dritten angerufen worden und über ihre Spenden befragt worden.

Der kleine Aktionär von yandex darf sich also als Teilhaber eines Spionagewerkzeugs fühlen. Und ebenjenes Werkzeug gibt dies offen zul. In den Börsengang-Bewerbungspapieren, die yandex der U.S.-Securities-and-Exchange-Comission vorlegte, wird freimütig beschrieben, dass es in Russland anders zugeht, als im rechtstaatlichen Rest der Welt:

Businesses in Russia, especially high-profile companies, may be subject to aggressive application of contradictory or ambiguous laws or regulations, or to politically motivated actions, which could materially adversely affect our business, financial condition and results of operations.

Und witerhin wird darauf hingewiesen, dass Politik in Mütterchen Russland nach wie vor weich wie ein Bliny zu sein scheint:

The pending presidential election in Russia creates a degree of political and commercial uncertainty, which may adversely affect our ability to implement our business plan in the near term.

        The next presidential election in Russia is scheduled for March 2012 and we anticipate that there may be a degree of uncertainty regarding political, regulatory, administrative and commercial developments until that time. The effects of changes in government policy, if any, cannot be predicted, but could harm our business.

Der westliche Anleger kauft den Teil einer Matroschka, von der er nicht weiß, wie sie funktioniert und was in ihr noch so alles steckt. Er wills auch garnicht wissen. Hauptsache sie ist an ihrem ersten Feierabend um 84% fetter. Egal, wie sie ihr Geld verdient.

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Vom Splitter und vom Balken.

Google macht sich Facebook-Daten zu nutze, doch das blaue F findet das nicht so gut: Letzte Woche wurde bekannt, dass Facebook den weltweiten PR-Player Burson-Marsteller beauftragt hat, Staub bezüglich des neuen Google-Dienstes Social Circle aufzuwirbeln. Eine neue Dimension der digitalen Diffamierung – schließlich zicken hier 65 Milliarden (FB) gegen 111 Milliarden (g) Dollar Markenwert.

Seinen Weg an die Öffentlichkeit fand die Affäre über den Blog von Christopher Soghoian. Der (unter anderen Dingen) als Datenschutzaktivist auftretende Soghoian wurde, aufgrund seiner andauernden Aktivitäten, am 3. Mai von B-M angeschrieben, ob er nicht Interesse daran hätte, über Googles Bemühungen „to scrape private data and build deeply personal dossiers“ zu publizieren. Als Gegenleistung wurde ihm Veröffentlichung in wirklich echten Medien versprochen. Als er auf die Frage, von wem die PR-Firma bezahlt würde eine ausweichende Antwort erhielt, stellte er den mail-Verkehr online.

Daraufhin begann Rätselraten, auf wessen Geheiß hin die Agentur agierte: Als großer Wettbewerber wurde Microsoft hoch gehandelt (vor allem nach der Bing-Geschichte), doch Newsweek-Redakteur Dan Lyons enthüllte dann vergangenen Donnerstag, dass Facebook dafür verantwortlich sei. Tatsächlich bestätigten die, entsprechendes getan zu haben, wollen jedoch nichts von einer Schmieren-Kampagne wissen. Tatsächlich sollte nur die Öffentlichkeit darüber aufgeklärt werden, was Google da mit Social Circle so treibe, da auch nicht-googlemail-Nutzer darin eingebunden wurden. Doch worum geht es bei Social Circle?

Im Prinzip ist das Feature eine googlemail-Implementierung von Daten aus dem sozialen Webnetzwerk des Nutzers. Dem Nutzer werden in seiner mail-Oberfläche nicht nur die Aktivitäten seiner Freunde, sondern auch deren Freunde angezeigt. Szusagn Freundesfreunde. Google nutzt mehrere Quellen, um die direkten Verbindungen herzustellen. Neben den Mitgliedern aus dem Google-Reader auch die von Google-Buzz, die Kontakte im Adressbuch, sowie die Chatkontaktliste. Und darüber hinaus werden die öffentlich einsehbaren Verbindungen bei anderen sozialen Netzwerken ‚gescraped‘  – scrapen bezeichnet das Schürfen von solchen Informationen aus nicht selbst hergestellten Quellen. Beispielsweise, wenn Google von Facebook übernimmt.

Doch der Witz ist: Facebook, selbst nicht gerade als Datentresor, vielmehr als Datenauslage verschrien, stellt diese Informationen selbst zur Verfügung! Und zwar jedermann. Nicht nur angemeldeten Jedermännern/-frauen, sondern jedem Internetuser weltweit – sofern man entsprechende Einstellung nicht manuell deaktiviert.

Das bedeutet, dass sowieso einjeder, der über ein Facebook-Profil stolpert, die Freunde des Profilinhabers einsehen kann. Zwar nicht alle auf einmal, doch bei jedem Aufruf andere. Der Zweck ist klar: Locken von potentiellen Anwendern mit „oh,dendakennichjaauchnoch!“.  Nun plante Facebook also, gegen eine gestaltende Nutzung dieser Daten von einem Wettbewerber entsprechend propagierend vorzugehen.

Moment mal. Google ein Wettbewerber von Facebook? Suchmaschine gegen Freundehaben? Wie sollten die sich in die Quere kommen?

Antwort: Im Werbemarkt. Google als content-Organisierer macht nach wie vor die meiste Kohle mit Anzeigen, die neben oder zwischen Suchergebnissen geschaltet sind und zum angefragten Thema passen. Das heißt relativ simpel auf unmittelbare Bedürfnisse des potentiellen Konsumenten zugeschneidert. Facebook hingegen verteilt Werbung auf Interessensgruppen zugeschnitten. Die werden durch jede preisgegebene Information und Kontakt  präziser und somit potentiell profitabler. Beide Graben an der gleichen Ressource: In Klick resultierende Aufmerksamkeit des Rezipienten.

Facebook scheint viel Potential in den Bemühungen von Google zu sehen – sonst hätte niemals irgendjemand die negative Presse anzuleihern versucht. In der Tat drängt Google vehement in den sozialen Websektor. Zuletzt mit Googleprofil, +1, Buzz und der gezwungenen Verknüpfung von Googlekonto mit youtube-Zugang. Facebook sieht seine Felle angenagt, kann jedoch selbst nicht derartig auf den von Google eingenommenen Content-Sektor drängen. Dafür sind seine User zuständig. Letztendlich will jeder der beiden seine Vorherrschaft in einem der beiden Felder behalten, dazu zusätzlich in des anderen dringen. Doch gerade bei Google wird das schwierig: Vor allem bei zur one-to-one-Informationsübermittlung wollen viele Nutzer eben keinen sozialen Faktor und sind deswegen dem Social Circle eher abgeneigt – falls sie von ihm wissen. Und über dieses Faktum begründete Facebook seine Bestrebungen.

Soweit also die Motivation der aus der Anonymität gestarteten Offensive von Facebook – die sich zwecks Glaubwürdigkeit jedoch besser erst den Balken aus dem eigenen Auge gezogen hätten, ehe sie auf den Splitter in des anderen Auge über einen Mittelsmann hinwiesen.

Ein weiteres, spannendes Thema bildet der  grassroots-Ansatz, den die Mittelsmann-PR-Typen gehen wollten. Direkt an der Wurzel, näher am Menschen. Doch das ist eine andere Geschichte.

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Hüte dich vor dem Zorn des Pandas!

Das (don’t be) Evil-Empire ändert seinen Such-Algorithmus vermutlich bald auch in Deutschland. Nachdem google im April ein Update namens Panda in seine englischsprachige Suche inkorporiert hat, soll dies nun weiter ausgeweitet werden. Ein genaues Datum steht noch nicht fest, aber es wird weiter getestet und gefeilt, um „Menschen die relevantesten Antworten auf ihre Anfragen so schnell wie möglich zu bieten“.

Viele, viele, viele freuen sich über die Verbesserungen, denn anscheinend funktioniert das System tatsächlich so weit, dass nervraubende, suchmaschinenoptimierte Content-Farmen aus den Suchergebnissen gefiltert werden. Eine aufschlussreiche Aufschlüsselung, welche Webseiten nach der Änderung in den USA gewonnen und verloren, findet sich bei den in der Branche beheimateten und naturgemäß daran interessierten seomoz.org.

Das klingt tatsächlich vielversprechend, doch wirft das die Frage auf, wie google guten von schlechtem Content unterscheidet: Im Falle von Webseiten, die mit dem einzigen Zweck angelegt wurden, bei google weit vorne zu stehen indem sie leere Worthülsen aneinanderreihen, scheint der Fall klar. Auch bei strukturell erfassbaren Eigenschaften ist so eine Operationalisierung recht gut zu durchschauen – ebenfalls sehr anschaulich auf seomoz erklärt.

Konsequenz: Sites, die ihres Wesens geschuldet in dieses Raster hineinfallen, verlieren an google-geschätzer Relevanz – sistrix stellte das recht umfangreich dar. Vor allem Preissuchmaschinen und Frageportale fallen dort neben den gefarmten Websites auf. Ein Verlust, den ich mit meinem online-Verhalten jedoch als angenehm erachte…

Und das geht noch weiter: Ein Fragekatalog soll dabei helfen, sich in die Denkweise der Firma einzufinden und entsprechend die Qualität von Websites einzuschätzen. Knaller dabei unter anderem:

  • Does the page provide substantial value when compared to other pages in search results?
  • Does the article describe both sides of a story?
  • Is the site a recognized authority on its topic?
  • Would you expect to see this article in a printed magazine, encyclopedia or book?

Mir scheint das, als ob der ursprünglich als Suchmaschinen-Dienstleister gestartete Gigant sich nun weiter aufschwingt und die eigene Vormachtstellung im Netz festbackt, indem er als Imperator in der Arena Suchergebnisse sein Wohlwollen beziehungsweise seine Ablehnung durch Positionierung zeigt. Und da frage ich mich: Muss das sein?

Und muss es darüber hinaus sein, dass googleChrome-Nutzer mit google-Konto zur Positionierung beitragen sollen, indem zur Qualitätsanalyse durch ein Block-Plugin gesammelte Daten genutzt werden (ist noch nicht der Fall, wird aber in Erwägung gezogen)?

Reichen objektiv bestimm- und messbare Indizes (Verweildauer, Linkanzahl, oben genannte Strukturmerkmale) mitsamt Vermeidung der unerwünschten Blasen-Seiten nicht aus? Weil so ungefähr weiß ich doch immer, was ich so suche. Bevormundet ist der kleine Internetnutzer doch schon genug.

Gespanntes Warten, wann er kommt und was er macht, der deutschsprachige Panda.

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Disko Disko Disko!

Nicht disco – ich lerne, sondern DISKO! Nicht als Kurzform der Discotheque, also der Lernstube, sondern als eine Art meta-Verb dessen Bedeutung in diesem Blog definiert werden soll. Bis der Herr Duden anruft und sagt: Herr Blogschreiber, sie sind wirklich ein A-Mann, denn wir nehmen ihre Geschichten als Anlass zu folgendem Eintrag:

disko (Vb.) :

  1. missverwendete Form von disco
  2. Unklare Tätigkeit, im weitesten mit Technologie verbandelt
  3. Ganz sicher nicht: Kurzform von Discotheque

Und ich sage dann einfach: Okay.

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